Auf welchen Geräten sollten wir Bildung digitalisieren? 

Warum Smartphones und Tablets das Potential haben, digitale Ungleichheit zu überwinden

Ähnlich wie die industrielle Revolution vor 200 Jahren die Industriegesellschaft einläutete, führt die digitale Revolution (teilweise auch als „dritte industrielle Revolution“ bezeichnet) unsere Gesellschaft seit Ausgang des 20. Jahrhunderts in eine digitale Welt. Dieser Prozess findet global statt und zudem in atemberaubender Geschwindigkeit. Es ist bereits absehbar, dass die digitale Revolution tiefgreifende technische, ökonomische und soziale Folgen haben wird. 

Ein für gesellschaftliche und soziale Teilhabe sowie wirtschaftlichen Erfolg ganz maßgeblicher Faktor ist die Bildungsgerechtigkeit.Wenig macht der Bildungsgerechtigkeit im digitalen Zeitalter so schwer zu schaffen wie die „digitale Kluft“ (englisch: „digital gap“). Darunter versteht man Unterschiede in Zugang und Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen oder – global – Volkswirtschaften.1 In dem Digitalpodcast „Wird das was?“ von Zeit Online sieht der Autor und Journalist Sascha Lobo eine große Chance in der Digitalisierung der Bildung. Zwar könnten vorhandene gesellschaftliche Probleme nicht durch eine digitale Transformation gelöst werden, etwa wenn Schülerinnen und Schülern das erforderliche Arbeitsumfeld in den eigenen vier Wänden fehle. Digitale (Schul-) Bildung könne aber eine Vielzahl von Barrieren aufheben und den Zugang zu Lernmaterialien und Unterrichtseinheiten erleichtern.2

Computer, Laptops und Smartphones in Deutschland

Digitale Bildung findet in verschiedenen Bereichen statt: in Schulen, Hochschulen und an Universitäten sowie in Unternehmen. Im „Nationalen Bildungsbericht 2020“ wird die mangelnde Umsetzung der Digitalisierung im Bereich der formellen Bildung in Deutschland mit dem Fehlen digitaler Kompetenzen bei Lehrkräften und der ausbaufähigen technischen Ausstattung an Schulen begründet.3 Nur 36 % der Schulen haben einen schnellen Internetanschluss.4 

Da zum digitalen Knowhow nicht nur die theoretische Wissensvermittlung-, sondern auch die praktische Übung gehört, sind jedoch die technischen Rahmenbedingungen der digitalen Bildung in den verschiedenen deutschen Haushalten von überragender Bedeutung für Bildungsgerechtigkeit. Hier verweist Sascha Lobo zutreffend darauf, dass in bestimmten Altersgruppen fast jedes Kind nicht nur Zugriff auf, sondern ein eigenes Smartphone besitzt.5 Die Zahlen von Statista belegen das eindrücklich:6

Unabhängig von der sozialen Herkunft und der Altersklasse verfügt nahezu jedes Kind bzw. jeder und jede Jugendliche in Deutschland ab 12 Jahren über ein Smartphone und einen Internetanschluss. Die Vermittlung von Wissen über dieses Gerät würde also nahezu alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland erreichen – und zwar genau dort, wo sie sich gerade befinden. Die Anschaffung neuer, teurer Geräte wäre nicht notwendig. “Mobile Learning” würde demnach einen großen Schritt in Richtung soziale Gerechtigkeit bedeuten.

Aber gäbe es überhaupt eine ebenso effektive sowie zeitgemäße Alternative zum Smartphone?  Zu Beginn der Digitalisierung hatte sich der stationäre Rechner in sämtlichen Haushalten etabliert. Doch gerade an dieser Stelle findet aktuell ein großer Wandel statt: Weniger als die Hälfte aller Haushalte verfügt noch über einen stationären Computer. Zu sehen ist auch, dass nicht alle Kinder und Jugendlichen in Deutschland einen eigenen Laptop zum Lernen haben. In einer 2019 durchgeführten Umfrage gaben nur 65 % der befragten Jugendlichen an, überhaupt im Besitz eines Computers oder Laptops zu sein.7 Mit einem durchschnittlichen Kaufpreis von 732 Euro8 ist ein Notebook für viele finanziell schwache Familien schlichtweg ein kaum zu stemmendes Investment. Demgegenüber nimmt die Beliebtheit sog. Tablets, dem mobilen Pendant zum Computer, rasant zu. In 83,4 % aller Haushalte findet sich mittlerweile ein internetfähiges Tablet, die Tendenz dürfte in den nächsten Jahren weiter steigen.  

Vor diesem Hintergrund sprechen gewichtige Gründe dafür, Digitalisierung der Bildung aus Gründen der sozialen Teilhabe und Chancengerechtigkeit auf Smartphones oder Tablets stattfinden zu lassen. Das betont auch Sascha Lobo: Digitaler Unterricht über das Smartphone könnte nicht nur bestehende Privilegierungen aufheben, sondern auch die ungleich erlebte Lernerfahrung vereinheitlichen.9

Risiken der Smartphone-Nutzung

In seiner relativ jungen Entwicklungsgeschichte hat das Smartphone einen rasanten Aufstieg in unserer Gesellschaft erfahren. In knapp zwei Jahrzehnten entwickelte es sich zum Inbegriff des digitalen Wandels und schaffte es auf fast jeden Schreibtisch, in fast jede Hosen- und Jackentasche und auf fast jede Couch. Apple machte mit der Einführung des iPhones im Jahr 2007 den smarten Alltagsbegleiter massentauglich.10 

Aber welche Gefahren birgt das Lernen auf dem Mobiltelefon? Vermutet wird, dass eine dauerhafte Smartphone-Nutzung negative Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen haben könnte. So ist gelegentlich etwas undifferenziert von einer “Handysucht” die Rede.11 Während die meisten trotz stundenlangem Smartphone-Konsum noch kein Suchtverhalten aufweisen, beeinträchtigt die übermäßige Mediennutzung die psychische Gesundheit einer kleinen, aber wachsenden Gruppe von jungen Smartphone-User:innen. Im weltweit wichtigsten Klassifikationssystem für Krankheiten lässt sich die sog. “Internetsucht” noch unter einer allgemeinen Restkategorie finden (ICD-10). Das Klassifikationssystem wurde jedoch überarbeitet. Ab dem 1. Januar 2022 soll die Unterform “Computersucht” bereits unter die Kategorie der Abhängigkeitskrankheiten fallen und somit eine medizinisch indizierbare Verhaltenssucht darstellen (ICD-11).12 Die Gefahr einer Abhängigkeit von der Nutzung des Smartphones ist also real. Aber sie beschränkt sich nicht auf das Smartphone. Hier sollte man eher von Sucht nach sozialen Netzwerken sprechen.13 

An dieser Stelle muss seitens der Verantwortlichen – also der Erziehungsberechtigten sowie der Lehrerinnen und Lehrer – beobachtet werden, ob sich im Einzelfall Abhängigkeiten abzeichnen. Dieser Umstand begründet jedenfalls die einzuhaltende Altersgrenze von 12 Jahren für ein eigenes Smartphone oder auch die Nutzung sozialer Netzwerke wie Instagram oder TikTok, die erst ab 13 Jahren zugänglich sind.

Juristische Bildung auf dem Smartphone

Dass sich E-Learning-Angebote einer wachsenden Beliebtheit erfreuen, zeigt auch unsere App „Jurafuchs“, die sich auf die Vermittlung von juristischem Wissen konzentriert. Mehr als 160.000 Nutzer:innen lösten bislang auf der Plattform 17 Millionen mal die juristischen Fragen, die auf spielerische Weise juristische Sachverhalte vermitteln und unter anderem auf das Erste und Zweite Juristische Staatsexamen vorbereiten. Dass auch didaktische Innovationen (Microlearning, Gamification und Community) eine Demokratisierung der juristischen Bildung ermöglichen, haben wir an anderer Stelle vertieft. 

Fazit

Es bleibt abzuwarten, inwiefern sich das Smartphone auch an Schulen, Universitäten und am Arbeitsplatz als „Bildungswerkzeug“ durchsetzen wird. Mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena setzt jedenfalls die erste juristische Fakultät in Deutschland auf natives Mobile-Learning. Der konsequente Ausbau von öffentlichen Bildungsangeboten für das Smartphone erscheint jedenfalls unter dem Gesichtspunkt sozialer Gerechtigkeit und Chancengleichheit sinnvoll und vielversprechend. 

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Digitale_Kluft
  2. https://www.zeit.de/digital/internet/2020-08/corona-krise-digitalisierung-home-office-sascha-lobo
  3. https://www.deutschlandfunk.de/nationaler-bildungsbericht-2020-mangelhafte-digitalisierung.680.de.html?dram:article_id=479184
  4. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/153257/umfrage/haushalte-mit-internetzugang-in-deutschland-seit-2002
  5. https://www.zeit.de/digital/internet/2020-08/corona-krise-digitalisierung-home-office-sascha-lobo
  6. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1106/umfrage/handybesitz-bei-jugendlichen-nach-altersgruppen
  7. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/29432/umfrage/anteil-der-jugendlichen-der-einen-computer-oder-laptop-besitzt/
  8. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/28304/umfrage/durchschnittspreise-fuer-desktop-pcs-und-notebooks-seit-2005/
  9. https://www.zeit.de/digital/internet/2020-08/corona-krise-digitalisierung-home-office-sascha-lobo
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/IPhone_(1._Generation)
  11. https://www.zeit.de/digital/internet/2019-08/smartphonesucht-konsum-handyabhaengigkeit-digitale-aengste/komplettansicht
  12. https://www.kmdd.de/infopool-und-hilfe/suechtig-ohne-stoff/medienabhaengigkeit
  13. https://www.zeit.de/digital/2019-07/smartphone-nutzung-soziale-medien-sucht-kinder.
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Jurepeat

Richtig starker Artikel!! Verdient mehr Aufmerksamkeit! ☺️

Jurepeat

Sehr gerne!

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