Objektive Zurechnung bei abnormaler Konstitution des Opfers – „Bluter-Fall“ (nach RGSt 54, 349)

5. Februar 2022
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Bluter-Fall (keine Zurechnung bei abnormer Konstitution des Opfers)

Sachverhalt

A bewirft B mit einem kleinen Stein. B erleidet dadurch eine kleine Schnittverletzung. Weil B (was A nicht weiß) an der Bluterkrankheit leidet, führt die Schnittwunde bei ihm jedoch zum Tod.

Falllösung

Ist der Tod des B A objektiv zuzurechnen?

Nein!

Objektiv zurechenbar ist ein Erfolg, wenn der Täter (1) eine rechtlich missbilligte Gefahr geschaffen und (2) sich genau diese Gefahr im Erfolg realisiert hat Ein atypischer Kausalverlauf ist gegeben, wenn dieser so sehr außerhalb der allgemeinen Lebenserfahrung liegt, dass mit ihm vernünftigerweise nicht gerechnet zu werden braucht.

Im Tod des B hat sich nicht die von A durch den Steinwurf gesetzte rechtlich missbilligte Gefahr realisiert, sondern die latente krankheitsbedingte Lebensgefahr eines Bluters im täglichen Leben. Die Wahrscheinlichkeit von 1 zu 10.000, einem Bluter zu begegnen, lässt die objektive Voraussehbarkeit des Erfolgs für A verneinen (abnorme Konstitution als außergewöhnlicher Kausalfaktor). B’s Tod erscheint als Werk des Zufalls.

Ergebnis

Fundstellen

Wessels/Beulke/Satzger, Strafrecht AT, 47.A. 2017, RdNr. 291
Kühl, Strafrecht AT, 8.A. 2017, § 4 RdNr. 65
Rengier, Strafrecht AT, 5.A. 2013, § 13 RdNr. 69ff.
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