Kausalität im Strafrecht: Basics und Standard-Fälle

20. Oktober 2021
8 MIN READ

In der Jurafuchs App findet ihr hunderte interaktiver Fälle zur Kausalität. Hier eine kleine Auswahl.

Einleitung

Unter Kausalität versteht man im Strafrecht die Zurechnung eines strafrechtlich relevanten Taterfolgs. Im Folgenden demonstrieren wir die Anwendung der von der Rechtsprechung und herrschenden Lehre vertretenen Conditio-sine-qua-non-Formel („Äquivalenztheorie“) an zahlreichen Fallkonstellationen aus Rechtsprechung und Lehrbuchliteratur.

Inhaltsverzeichnis


  1. Prüfungsschema
  2. Conditio-sine-qua-non-Formel
  3. Hypothetische Reserveursachen
  4. Kumulative Kausalität
  5. Abgebrochene/überholende Kausalität
  6. Alternative Kausalität
  7. Generelle Kausalität
  8. Kausalität bei Mehrheitsbeschlüssen
  9. Quasi-Kausalität
  10. Definitionen

1. Prüfungsschema zum vollendeten vorsätzlichen Begehungsdelikt

  1. TATBESTAND
    1. Objektiver Tatbestand
      1. Handlung
      2. Kausalität 🎯
      3. Objektive Zurechnung
    2. Subjektiver Tatbestand
  2. RECHTSWIDRIGKEIT
  3. SCHULD
 Das Prüfungsschema zum Download

2. Conditio-sine-qua-non-Formel 💯

Voraussetzung strafrechtlicher Haftung beim Erfolgsdelikt ist, dass der Täter den Erfolg kausal bewirkt hat. Rechtsprechung (Rspr.) und herrschende Lehre (hL) bestimmen die Kausalität überwiegend nach der Äquivalenztheorie (= conditio-sine-qua-non-Formel). Eine Handlung ist danach kausal, wenn sie nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele.

Beispiel: A träumt schon lange davon, Gleitschirm zu fliegen. Er leiht sich bei dem erfahrenen Drachenflieger F einen Schirm. F sagt, die Wetterverhältnisse seien für einen Anfänger zu gefährlich. Er überlässt A gleichwohl den Schirm. A zerschellt nach kurzem Flug an einem Felsen des Berges.

Hätte F dem A keinen Schirm geliehen, hätte A den Flug nicht unternommen und wäre nicht am Felsen verunglückt. F hat den Unfalltod des A kausal verursacht.

Wessels/Beulke/Satzger, Strafrecht AT, 47.A. 2017, RdNr. 212, 244
Fischer, Strafgesetzbuch, 66.A. 2019, Vor § 13 RdNr. 21

Beispiel: M und F streiten sich über die Erziehung ihres Sohnes K. F wird es zu viel und sie versetzt M einen Messerstich. M wird ins Krankenhaus gebracht. Der Rettungswagen wird vom Lastzug des L gerammt. M wird hierbei tödlich verletzt.

Hätte F dem M keinen Messerstich zugefügt, wäre M nicht mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus transportiert worden. Er wäre dann nicht auf der Fahrt verunglückt. Der Messerstich der F war kausal für den Tod des M.

Wessels/Beulke/Satzger, Strafrecht AT, 47.A. 2017, RdNr. 212, 244
Fischer, Strafgesetzbuch, 66.A. 2019, Vor § 13 RdNr. 21

3. Hypothetische Reserveursache

Hypothetische Reserveursachen spielen für die Kausalität des tatsächlichen Geschehens keine Rolle und bleiben außer Betracht.


Beispiel: B ist auf dem Heimweg nach Ende seines Urlaubs. Bevor er seinen Flieger besteigen kann, erschießt ihn A. Das Flugzeug stürzt unmittelbar nach dem Start ins Meer. Alle Passagiere sterben.

Der Schuss des A kann nicht hinweggedacht werden, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt (Erschießungstod) entfiele. Zwar wäre B ansonsten wenig später beim Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Dies ist jedoch eine hypothetische Reserveursache, die für die Kausalität des tatsächlichen Geschehens keine Rolle spielt.

Wessels/Beulke/Satzger, Strafrecht AT, 47.A. 2017, RdNr. 229
Fischer, Strafgesetzbuch, 66.A. 2019, Vor § 13 RdNr. 22

Beispiel: Die Ärzte A und B der geschlossenen Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses gewähren dem offensichtlich gefährlichen Patienten P unbeaufsichtigten Ausgang. P tötet dabei zwei Menschen. P hätte wegen der mangelhaft gesicherten Anstalt auch ausbrechen können und dies auch getan.

Hätten A und B ihre ärztliche Sorgfaltspflicht nicht verletzt, hätte P keinen Ausgang gehabt. Dass P ohnehin hätte ausbrechen können, ist als hypothetische Reserveursache irrelevant.

Wessels/Beulke/Satzger, Strafrecht AT, 47.A. 2017, RdNr. 229

4. Kumulative Kausalität

Kumulative Kausalität liegt vor, wenn zwei voneinander unabhängige Handlungen den Erfolg, den sie jeweils isoliert betrachtet nicht erzielen könnten, erst durch ihr zusammenwirken herbeiführen. Beide Handlungen sind somit kausal für den Erfolg.

Beispiel: A und B schütten unabhängig voneinander eine jeweils für sich betrachtet nicht tödlich wirkende Menge Gift in das Getränk des O. O trinkt und stirbt durch die Gesamtmenge des Giftes. 

Keine der jeweils verabreichten Giftmengen hätte für sich betrachtet den Tod des O herbeigeführt. Sie haben aber durch ihr Zusammenwirken den Tod bewirkt (kumulative Kausalität). Dadurch ist jede Giftmenge mitursächlich.

Wessels/Beulke/Satzger, Strafrecht AT, 47.A. 2017, RdNr. 223, 251, 289f. 
Fischer, Strafgesetzbuch, 66.A. 2019, Vor § 13 RdNr. 32
Rolf Schmidt, Strafrecht AT, 19.A. 2018, RdNr. 155.

5. Abgebrochene / Überholende Kausalität

Überholende Zweitereignisse bewirken einen Abbruch des Kausalverlaufs.

Beispiel: T verabreicht ihrem Mann M mit Tötungsabsicht ein langsam wirkendes Gift. Noch bevor das Gift seine tödliche Wirkung entfalten kann, erschießt Nebenbuhler N den M.

Denkt man die Vergiftung durch T hinweg, bliebe der Erfolg in der konkreten Gestalt des Todes bestehen. N hat mit seinem Schuss eine völlig neue Kausalkette in Gang gesetzt und damit die von T gesetzte Kausalkette abgebrochen. Die Vergiftung durch T war somit nicht kausal für den Tod des M.

Wessels/Beulke/Satzger, Strafrecht AT, 47.A. 2017, RdNr. 237
Fischer, Strafgesetzbuch, 66.A. 2019, Vor § 13 RdNr. 38

6. Alternative Kausalität

Verursachen zwei voneinander unabhängige Handlungen gleichzeitig den Erfolg und hätte jede für sich zur Erfolgsverursachung ausgereicht (alternative Kausalität), führt die Anwendung der conditio-sine-qua-non-Formel zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass beide Handlungen als nicht erfolgsursächlich angesehen werden müssten. Die herrschende Meinung modifiziert die Formel daher: Von mehreren Handlungen, die alternativ, aber nicht kumulativ hinweggedacht werden können, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele, ist jede erfolgsursächlich.

Beispiel: O hat Geburtstag. Während O Geschenke auspackt, geben die Gäste A und B unabhängig voneinander je eine tödliche Dosis desselben Giftes in das Getränk des O. O trinkt und stirbt.

Zwar kann man beide Dosen Gift jeweils wegdenken (alternativ), aber nicht zusammen (kumulativ), ohne dass der Gifttod (konkrete Gestalt) entfiele. Mithin sind beide Dosen nach der modifizierten Formel ursächlich.

Wessels/Beulke/Satzger, Strafrecht AT, 47.A. 2017, RdNr. 222
Kudlich, PdW Strafrecht AT, 5.A. 2016, Nr. 38

7. Generelle Kausalität

Generelle Kausalität liegt nach Auffassung der Rechtsprechung vor, wenn zwar der konkret schadensverursachende Faktor unklar bleibt, gleichwohl aber alle anderen in Betracht kommenden Schadensursachen ausgeschlossen werden können.

Beispiel: Die L-GmbH produziert ein Spray zur Imprägnierung von Leder. Kunden klagen über Atembeschwerden, Übelkeit, Fieber und Lungenödeme. Es steht fest, dass die Gesundheitsschäden von dem Spray herrühren. L’s Labor kann jedoch nicht sagen, welcher Inhaltsstoff dafür verantwortlich ist.

BGH: Es genüge die Feststellung, dass für die Körperschädigung eine andere Ursache als das Lederspray nicht ersichtlich sei, sodass es keine andere plausible Erklärung für den Erfolg gebe. Nicht erforderlich sei die genaue Bestimmung der verantwortlichen chemischen Reaktionen.

BGH 2 StR 549/89, BGHSt 37, 106 
Wessels/Beulke/Satzger, Strafrecht AT, 47.A. 2017, RdNr. 221
Roxin, Strafrecht AT Band 1, 4.A. 2006, § 11 RdNr. 17 
Jäger, Examensrepetitorium Strafrecht AT, 8.A. 2017, RdNr. 27
Satzger, "Kausalität und Gremienentscheidungen", JURA 2014, 186 (189)

8. Kausalität bei Mehrheitsbeschlüssen

Bei Kollektiventscheidungen in Gremien ist zwischen zwei Stufen der Kausalitätsfeststellung zu unterscheiden. Es ist (1) zu fragen, ob jeder einzelne an der Mehrheitsentscheidung Beteiligte den  Beschluss kausal verursacht hat. Zum anderen (2) ist festzustellen, ob der Beschluss für die eingetretene Rechtsgutsverletzung kausal geworden ist. Die Kausalität des Beschlusses für den Erfolg lässt sich nach der conditio-sine-qua-non-Formel bestimmen: Eine Handlung ist danach kausal, <d>wenn sie nicht hinweggedacht werden kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten Gestalt entfiele

Beispiel: Der Beschluss der fünf Geschäftsführer G1–5 der L-GmbH, das Lederspray trotz Gesundheitsgefahr zu vertreiben, ergeht mit hauchdünner Mehrheit. G1, G2 und G3 stimmen dafür, G4 und G5 dagegen. 

(1) Würde man die Ja-Stimme von G1 hinwegdenken, wäre der notwendige Mehrheitsbeschluss nicht zustande gekommen. Die Stimme des Einzelnen bewirkt nur zusammen mit den anderen Ja-Stimmen den Beschluss, sodass hier kumulative Kausalität aller Mitglieder, die mit Ja abgestimmt haben, vorliegt. (2) Ohne den Beschluss, wäre das Spray nicht in den Verkehr gebracht worden und K nicht zu Schaden gekommen.

Heuchmer, in: BeckOK StGB, 43.Ed. 01.08.2019, § 13 RdNr. 21
Satzger, Kausalität und Gremienentscheidungen, JURA 2014, 186 (191)

9. Quasi-Kausalität

Für Unterlassungsdelikte wird die conditio-sine-qua-non-Formel modifiziert: Quasi-Kausalität liegt vor, wenn die unterlassene rettende Handlung nicht hinzugedacht werden kann, ohne dass der konkrete Erfolg mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert worden wäre. Im Rahmen der Unterlassungsdelikte werden die Begriffe Quasi-Kausalität und hypothetische Kausalität synonym verwendet.

Beispiel: A wird mit zwei Kindern infolge eines Brands im 2. Stock eingeschlossen. Aus Angst vor Verletzungen wirft A die Kinder nicht aus dem Fenster. Sie sterben. Hätte er sie in die Arme der Helfer fallen lassen, wären sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gerettet worden.

Hier liegt der Schwerpunkt des strafrechtlichen Verhaltens unter Berücksichtigung des sozialen Handlungsbegriffs nicht auf einem aktiven Tun, sondern in dem Unterlassen der erforderlichen Rettungshandlung. Hätte A die Kinder aus dem Fenster geworfen, wären sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gerettet worden.

Heuchmer, in: BeckOK StGB, 43.Ed. 01.08.2019, § 13 RdNr. 21
Satzger, Kausalität und Gremienentscheidungen, JURA 2014, 186 (191)

10. Definitionen


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