Umfrage unter Studierenden: So groß ist die mentale Belastung im Jurastudium
08/10/2026
Das Jurastudium wird für viele Nachwuchsjuristen zur mentalen Belastungsprobe. Das zeigt eine aktuelle Befragung der juristischen Lernplattform Jurafuchs unter 1.592 Jurastudenten und Rechtsreferendaren anlässlich des Welttages der psychischen Gesundheit am 10. Oktober. Demnach schätzen 66,9 Prozent der Befragten ihre mentale Verfassung in den letzten Monaten als weniger gut oder sogar als schlecht ein. Besonders betroffen sind weibliche Studierende, bei denen dies auf 71,7 Prozent zutrifft, gegenüber 55,9 Prozent bei den Männern.
Neun von zehn Jurastudierenden leiden mental unter dem Studium
Das Jurastudium gilt als einer der schwierigsten Studiengänge in Deutschland. Der Prüfungsdruck vor den Staatsexamina, von denen der Abschluss nach mehreren Jahren Studium abhängt, ist besonders groß. Das bleibt nicht ohne Folgen: Insgesamt fast 90 Prozent berichten von einer Verschlechterung ihrer mentalen Gesundheit durch das Studium. 41,8 Prozent sprechen von einer leichten, 47,1 Prozent von einer deutlichen Verschlechterung der mentalen Gesundheit. Vor allem weibliche Studierende belastet das Jurastudium deutlich (52,7 Prozent). Nur rund ein Zehntel merkt keine Veränderung (4,4 Prozent) bzw. eine Verbesserung (5,3 Prozent).
Aufgrund der Belastung haben 58,8 Prozent bereits ein- oder mehrmals über einen Abbruch des Studiums nachgedacht. Deutlich weniger haben sich noch nie mit einem Abbruch beschäftigt (37,9 Prozent). Auch hier ist der Anteil an weiblichen Studierenden, die schon mal ihr Jurastudium aufgeben wollten, mit 63,7 Prozent größer. Bei den Männern sind es 47 Prozent.
Das sind die Ängste der Studierenden
Viele Studierende sind oft abhängig von BAföG, Studienkrediten oder ihrem privaten Umfeld, um sich das Studium überhaupt leisten zu können. 36,5 Prozent sprechen von einer starken bzw. sehr starken finanziellen Belastung. 35,2 Prozent fühlen sich teilweise belastet, 18,8 Prozent kaum und 8,8 Prozent gar nicht.
Auch mit Blick auf die Zukunft werden die Sorgen nicht kleiner: Besonders zentral ist die Angst, das Examen nicht zu bestehen (67,4 Prozent) oder kein Prädikatsexamen zu erreichen (55,8 Prozent). 55,9 Prozent haben Angst davor, keine Stelle zu finden, die den eigenen Vorstellungen entspricht, oder sich nicht finanziell absichern zu können (42,8 Prozent). Auch die Angst, dass der eigene Job von der künstlichen Intelligenz ersetzt wird, spielt für 36,8 Prozent eine Rolle. Nur ein Bruchteil hat keine Zukunftsängste (1,9 Prozent).
Um sich weniger zu stressen, nimmt fast jeder Fünfte professionelle Unterstützung in Anspruch
Bei der Frage, was den Studierenden am meisten beim Stressabbau hilft, werden vor allem niedrigschwellige Methoden genannt. Die Zeit mit Freundinnen, Freunden oder Familie (73,4 Prozent), Sport und Bewegung (70,9 Prozent) sowie ausreichend Schlaf (64,3 Prozent) helfen besonders oft dabei, sich zu entspannen. Daneben ist die Zeit für sich wichtig, um vom stressigen Jurastudium abzuschalten: Das gelingt 38,8 Prozent beim Schauen von Serien, Social Media oder Gaming, weitere 19,7 Prozent nutzen Meditation, Achtsamkeitsübungen und Journaling. 18,5 Prozent suchen sich sogar professionelle Hilfe in Form von Psychotherapie, Beratung oder Coaching, um ihre mentale Gesundheit zu stärken.
Einem Teil der Befragten reicht das jedoch nicht aus: 18,1 Prozent geben an, regelmäßig Koffein zu brauchen, um stressresistenter durch den Alltag gehen zu können, weitere 10,9 Prozent konsumieren Nikotin. Auch Alkohol (8,1 Prozent), Cannabis (3 Prozent) und verschreibungspflichtige Medikamente wie Ritalin (2,4 Prozent) sind Substanzen, die zum Stressabbau von den Studierenden genutzt werden. Der Konsum solcher Substanzen zeigt sich besonders in der Prüfungsphase, in welcher 13,4 Prozent mindestens einmal zu leistungssteigernden Substanzen gegriffen haben.
Mehrheit fühlt sich von den Universitäten nicht ausreichend unterstützt
Nicht nur das private Umfeld sollte Studierende in ihrem Alltag unterstützen. Auch die Universitäten haben den Anspruch, die Studierenden bestmöglich zu fördern, was auch für die Hilfe bei mentaler Belastung gilt. In der Realität wird die Hilfe aber nur von einem Bruchteil als ausreichend wahrgenommen: 11,6 Prozent halten die Unterstützungsangebote für mentale Gesundheit an ihrer Universität oder Fakultät für ausreichend, 60,4 Prozent würden das hingegen verneinen. 49,5 Prozent wissen gar nicht erst, welche Angebote es überhaupt gibt, oder machen keine Angabe dazu, was die noch unzureichende Hilfe betont.
Zu den wichtigsten Unterstützungsangeboten der Universitäten und Fakultäten gehören die psychologischen Beratungsstellen der Studierendenwerke (44,6 Prozent) sowie die Angebote im Hochschulsport, wie zum Beispiel Kurse zur Stressbewältigung (18,5 Prozent). 20,7 Prozent fühlen sich dank der Möglichkeit des Nachteilsausgleichs bei Prüfungen entlastet.
Jurafuchs-Mitgründer fordert Veränderungen im Jurastudium
„Die Ergebnisse unserer Befragung sind ein Alarmsignal. Sie zeigen: Hier geht es nicht um gewöhnlichen Stress, den zu bewältigen Bestandteil einer anspruchsvollen Ausbildung ist. Das leistungsorientierte Jurastudium und das unausgewogene Prüfungssystem lösen bei vielen Studierende extremen Druck aus – mit den naheliegenden Folgen. Unsere Befragung bestätigt damit die Ergebnisse anderer Untersuchungen. Hier sind auch die Hochschulen in der Verantwortung. Sie müssen psychische Belastungen stärker thematisieren und dafür sorgen, dass Studierende schnell und unkompliziert Unterstützung bekommen”, kommentiert Dr. Carl-Wendelin Neubert, Mitgründer von Jurafuchs, die Umfrage. Er ergänzt:
„Mindestens genauso wichtig ist aber die Prävention. Ich habe selbst erlebt, wie enorm der Lernaufwand und der damit verbundene Druck im Jurastudium sein können. Das war einer der Gründe, warum wir Jurafuchs gegründet haben. Wir möchten zeigen, dass erfolgreiches Lernen nicht zwingend bedeutet, möglichst viele Stunden am Schreibtisch zu verbringen, und inzwischen können wir auch wissenschaftlich belegen, dass moderne Lernmethoden mit weniger Zeitaufwand zu besseren Lernergebnissen führen können. Solche Erkenntnisse müssen endlich stärker im Jurastudium ankommen, denn wenn der Lernaufwand reduziert und Studierenden ermöglicht wird, effizienter zu lernen, können wir ihnen auch einen Teil des damit verbundenen Drucks nehmen. Es ist nicht akzeptabel, dass ein Studium, das junge Menschen auf einen anspruchsvollen Beruf vorbereitet, für so viele zur existentiellen mentalen Belastungsprobe wird. Darauf müssen wir aufmerksam machen und gemeinsam das Jurastudium für alle verbessern.”
Methodik
Für die Umfrage wurden insgesamt 1.592 Jurastudenten, Rechtsreferendare und weitere juristische Nachwuchskräfte über die Jurafuchs-Lernplattform im Zeitraum vom 16.09.2026 bis zum 23.09.2026 dazu befragt, wie sie die mentale Belastung durch das Studium einschätzen, was sie besonders belastet und was gegen die Belastung hilft. Zudem wurden sie dazu befragt, inwieweit sie sich von ihrer Universität bei mentalen Problemen unterstützt fühlen.













