Jurafuchs-Umfrage: Jeder dritte angehende Jurist zweifelt an der Stabilität der deutschen Demokratie
05/05/2026
Viele Demokratien sind weltweit in der Krise: Das zumindest zeigt eine Studie der Universität Göteborg, laut der fast jedes vierte Land weltweit einen Rückgang der Demokratie und mehr autokratische Tendenzen verzeichnet. Diese Entwicklungen spüren auch angehende Juristinnen und Juristen, die künftig Verantwortung im deutschen Rechtsstaat übernehmen werden, wie eine aktuelle Umfrage der Lernplattform Jurafuchs zeigt. Dabei wurden 1.282 Jurastudierende zu ihrer Wahrnehmung der Demokratie, der aktuellen Machtverteilung und ihrer eigenen Verantwortung im Rechtsstaat befragt.
Demnach stufen 32,8 Prozent der Befragten und damit jeder Dritte Demokratie und Rechtsstaat in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr als eher instabil ein, weitere drei Prozent sogar als sehr instabil. Positiver bewerten 30,1 Prozent den Stand der Demokratie und sehen eine Stagnation im Vorjahresvergleich, 27,4 Prozent eine leichte und 6,7 Prozent eine deutliche Verbesserung.
So groß wird die Gefahr durch Rechts- und Linksextremismus eingestuft
Ein relevanter Grund dafür, dass ein Drittel die deutsche Demokratie als instabiler einstuft, scheint von rechts zu kommen: Für 75,3 Prozent der Befragten ist das Erstarken rechtsextremistischer Positionen bzw. Akteure eine Belastungsprobe für Demokratie und Rechtsstaat, davon sprechen 50,9 Prozent sogar von einer eindeutigen Belastung. Im Hinblick auf linksextremistische Positionen oder Akteure sorgen sich deutlich weniger um Demokratie und Rechtsstaat: 25,5 Prozent sprechen von einer Belastungsprobe durch Linksextremismus.
Nur ein Bruchteil glaubt an Durchsetzung internationalen Rechts in Konflikten
Neben nationalpolitischen Entwicklungen haben internationale Spannungen jüngst durch den Iran-Krieg weiter zugenommen und beeinflussen Demokratien wie Deutschland. Den Konflikten zum Opfer fällt den Befragten zufolge auch das international geltende Völkerrecht. Nur ein Bruchteil vertraut darauf, dass völkerrechtliche Normen staatliches Handeln weiterhin effektiv begrenzen (0,6 Prozent). Deutlich mehr (22,3 Prozent) haben hingegen den Eindruck, dass das Recht abhängig von der Machtposition selektiv angewendet wird. 20,7 Prozent geben an, dass geopolitische Interessen das Recht zunehmend überlagern, und weitere 14,7 Prozent sind unsicher, wie wirksam internationales Recht aktuell überhaupt noch ist.
Viele Zweifel an souveränem deutschen Rechtsstaat
Je 20,6 Prozent sehen zudem eine Machtlosigkeit internationaler Institutionen wie der UN, während die wirtschaftliche oder politische Stärke über Konflikte entscheidet. Diese Sorge vor der Schwächung des geltenden Rechts zeigt sich auch hinsichtlich der innenpolitischen Entwicklungen: 45,1 Prozent glauben, dass Gerichte und Verfassungsorgane in Deutschland nur teilweise stark genug wären, um demokratiefeindliche Politik auch bei einer Regierungsbeteiligung wirksam zu begrenzen, 37,3 Prozent haben diesbezüglich sogar Zweifel und 6,4 Prozent glauben gar nicht daran. Nur 11,2 Prozent vertrauen darauf, dass geltendes Recht demokratiefeindliche Politik wirksam begrenzt.
Das Jurastudium hat dieses Vertrauen in den Rechtsstaat nicht bei allen Teilnehmern gestärkt. Bei 37,6 Prozent hat das Studium das Vertrauen in die Widerstandsfähigkeit deutschen Rechts zumindest eher, für 8,4 Prozent deutlich gestärkt und bei weiteren 34,4 Prozent hat das Studium nichts verändert. Jedoch geben 17,1 Prozent der Studierenden an, dass das Studium ihren Glauben an die Widerstandsfähigkeit des Rechtsstaats eher geschwächt hat, 2,5 Prozent sprechen sogar von einer deutlichen Schwächung.
In der Praxis halten die Befragten den Rechtsstaat ebenfalls für nicht immer souverän: 42,7 Prozent denken, dass Juristen ihrer Generation sich unter politischem Druck an politische Mehrheiten anpassen. Dass die Juristinnen und Juristen von morgen rechtsstaatliche Prinzipien auch gegen politische Mehrheiten aktiv verteidigen, davon gehen mit 34,5 Prozent weniger Teilnehmer aus.
Jeder Fünfte wünscht sich direkte Demokratie in Deutschland
Obwohl Deutschlands Parlamente politische Entscheidungen treffen, wirken andere Akteure übermäßig auf die Politik ein. Vor allem Wirtschaftskonzerne und Lobbyisten haben laut 42,7 Prozent der Befragten einen zu großen Einfluss auf die politische Entscheidungsfindung. Auch Medien und soziale Netzwerke beeinflussen die Politik 39,1 Prozent zufolge in einem zu großen Ausmaß.
Bei der Frage, welche Akteure zu wenig Einfluss haben, ist sich ein Großteil der Befragten einig: 43,3 Prozent finden, dass Bürgerinnen und Bürger politische Entscheidungen nicht genügend beeinflussen können. Für 25 Prozent hat die Justiz, wie zum Beispiel das Bundesverfassungsgericht oder Fachgerichte, einen zu geringen Einfluss auf die politische Agenda. Für 16,7 Prozent hat hingegen kein Akteur zu wenig Einfluss auf die politische Entscheidungsfindung in Deutschland.
Der Wunsch nach einem größeren Einfluss durch das Volk zeigt sich auch bei der Frage, ob die Studierenden die parlamentarische Demokratie noch als bestes Regierungssystem halten: 61 Prozent bejahen diese Frage zwar, 20,2 Prozent würden jedoch eine direkte Demokratie bevorzugen, bei der Bürger durch Abstimmungen politischer Sachfragen unmittelbar mitentscheiden.
Jurafuchs-Gründer: In schwierigen Zeiten werden mutige Rechtsanwender gebraucht
„Die aktuelle politische Lage erfordert mehr denn je ein widerstandsfähiges Rechtsbewusstsein. Wir brauchen resiliente Juristinnen und Juristen, die das Recht nicht nur theoretisch beherrschen, sondern es auch in Krisenzeiten mutig anwenden und verteidigen. Unsere Umfrage zeigt jedoch, dass 42,7 Prozent der angehenden Juristinnen und Juristen glauben, ihre Generation würde sich unter Druck politischen Mehrheiten anpassen. Das ist alarmierend”, kommentiert Jurafuchs-Mitgründer Dr. Carl-Wendelin Neubert die Ergebnisse der Untersuchung. Er ergänzt:
„Damit angehende Rechtsexperten dieser Verantwortung gerecht werden können, muss die Ausbildung praktischer werden: Wir müssen über theoretische Inhalte hinaus plastisch vermitteln, wie Juristinnen und Juristen den Rechtsstaat auch unter politischem Druck stabil halten, und das Bewusstsein für eine wehrhafte Judikative massiv stärken. Was das konkret bedeutet: Studierende sollen lernen, in welcher konkreten Gestalt dem Rechtsstaat Gefahren drohen, und wie man etwa mit verfassungswidrigen Einflussnahmen auf Justiz und Verwaltung umgeht. Dabei sollten sie auch prozessuale Abwehrmechanismen gegen die Instrumentalisierung der Justiz und Strategien zur Standhaftigkeit gegenüber rechtswidrigen oder illegitimen Weisungen erlernen.”
Über die Untersuchung
Bei der Umfrage wurden insgesamt 1.282 Jurastudierende über die Jurafuchs-Lernplattform im Zeitraum vom 27.02.2026 bis zum 11.03.2026 zu ihrer Wahrnehmung der Demokratie, der aktuellen Machtverteilung und ihrer eigenen Verantwortung als zukünftige Juristen befragt.







