Das deutsche Rechtswesen wird immer weiblicher – aber auch gerechter? Im Studienfach Rechtswissenschaften waren im Wintersemester 2024/25 laut Statistischem Bundesamt mehr Frauen (59,1 Prozent) als Männer (40,9 Prozent) eingeschrieben. Dennoch berichten viele weibliche Jurastudierende von einer ungerechten Behandlung im Studium und verschiedenen Hürden für Frauen auf dem Weg in juristische Spitzenpositionen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Lernplattform Jurafuchs, bei der über 1.850 angehende Juristen zu ihren Erfahrungen mit ungleicher Behandlung und Hürden für Frauen im Jurastudium befragt wurden.
So gerecht ist das Jurastudium laut der Studierenden
Nur 21,4 Prozent der Frauen geben an, dass sie sich im Studium voll und ganz gleichberechtigt behandelt fühlen. 38,9 Prozent sehen sich immerhin überwiegend gleichberechtigt. Ähnlich viele (39,8 Prozent) berichten hingegen, sich nur teilweise oder gar nicht gleichberechtigt zu fühlen. Zum Vergleich: Der Anteil an männlichen Studierenden, die im Studium eine vollständig gleichberechtigte Behandlung unter den angehenden Juristen sehen, liegt mit 39,5 Prozent fast doppelt so hoch wie bei den Frauen.
Noch klarer beantworten Frauen die Frage, ob sie im universitären Umfeld schon einmal mit sexistischen oder herabwürdigenden Kommentaren konfrontiert wurden: 32,6 Prozent berichten von vereinzelten Vorfällen, bei weiteren 4,7 Prozent kommt eine solche Situation sogar häufiger vor. Bei den Männern sind es nur 14,9 Prozent, die vereinzelt bzw. häufig schlechte Erfahrungen mit herabwürdigenden, sexistischen Kommentaren sammeln mussten.
Lehrmaterialien vermitteln veraltete Rollenbilder
In den Inhalten des Jurastudiums zeigt sich dieses Ungleichgewicht ebenfalls: Laut einer Jurafuchs-Analyse sind die Lehrmaterialien und Prüfungsinhalte im Jurastudium häufig klischeebehaftet. Das nehmen auch die Studierenden wahr: Laut 56,1 Prozent der Befragten werden eher bzw. meistens traditionelle Rollenbilder in juristischen Lehrmaterialien bedient. Auch hier nehmen Frauen (63,1 Prozent) die ungleiche Darstellung deutlicher wahr als Männer (42,8 Prozent). Weitere 16 Prozent achten gar nicht darauf, wie realitätsnah die Darstellung von Rollenbildern ist.
So uneinig sind sich die Befragten bei der fairen Bezahlung von Frauen
Diese Unterschiede setzen sich über das Studium hinaus fort. Dass im juristischen Berufsleben keine Geschlechtergleichheit herrscht, zeigt sich auch beim Gender Pay Gap, also der ungleichen Bezahlung von Männern und Frauen. Laut Bundesrechtsanwaltskammer haben weibliche Anwälte 2024 23,3 Prozent weniger verdient als ihre männlichen Kollegen – im Gesamtschnitt liegt die Gehaltslücke bei 16 Prozent. Mit einer ungleichen Bezahlung unter den Geschlechtern trotz gleicher Qualifikation rechnet mit 84,3 Prozent ein Großteil der weiblichen Jurastudierenden. Das Bewusstsein für die aktuell noch herrschende Gehaltslücke ist zwar unter den Männern weniger verbreitet: Immerhin 53,8 Prozent der männlichen Befragten gehen aber davon aus, dass Frauen bei gleicher Qualifikation im juristischen Berufsleben tendenziell weniger verdienen als Männer.
Jeder dritte Befragte prognostiziert höhere soziale Kompetenz in Kanzleien und Gerichten
Dass das Rechtswesen immer weiblicher wird, hat für die Studierenden positive Auswirkungen. 30,5 Prozent denken, dass der steigende Anteil zu einer höheren sozialen Kompetenz in Kanzleien und Gerichten führt, 17,4 Prozent gehen von der Erweiterung des Teilzeit- und Home-Office-Angebots aus. 12,3 Prozent denken, dass die erhöhte Präsenz weiblicher Juristen die Work-Life-Balance im Rechtsbereich stärker etabliert. Von keinen wesentlichen Auswirkungen gehen 22,6 Prozent der Befragten aus. Männer gehen mit 34,1 Prozent deutlich häufiger davon aus, dass eine steigende Frauenquote keine Veränderungen im Arbeitsleben hervorbringt, als Frauen selbst (16,6 Prozent). Dabei profitieren auch Männer laut dem Soldan Institut von den Vorteilen, die der Anstieg weiblicher Juristinnen mit sich bringt: Mit der Etablierung flexibler Arbeitsmodelle für Mütter ist auch die Hemmschwelle für Männer gesunken, die Arbeitszeit zugunsten ihres Familienlebens zu reduzieren.
Um in Positionen zu kommen, in denen derartige Veränderungen umgesetzt werden können, gibt es für Frauen jedoch noch einige Herausforderungen auf dem Weg in juristische Spitzenpositionen. Als größte Hürde bezeichnen 26,6 Prozent aller Befragten die Dominanz männlich geprägter Netzwerke. Weitere 26,2 Prozent sehen die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf als zentrale Herausforderung, 24,6 Prozent unbewusste Vorurteile von Männern in Auswahlprozessen. Nur drei Prozent der Männer und Frauen geben an, dass es keine nennenswerten Hürden auf dem Weg in juristische Spitzenpositionen gibt.
Um diese Hürden für Frauen im Rechtsbereich abzubauen, wünschen sich 21 Prozent aller Teilnehmer flexiblere Karrieremodelle, je 20,2 Prozent fordern transparente Gehaltsstrukturen und bessere Kinderbetreuungsangebote. Auch hier ist der Anteil an männlichen Studierenden, die keinen Handlungsbedarf sehen, mit 6,1 Prozent deutlich höher als bei Frauen (0,7 Prozent). Auf wenig Zustimmung stößt auch die vieldiskutierte verbindliche Frauenquote, die sich nur 6,6 Prozent wünschen.
Jurafuchs-Gründer: Bereits im Studium müssen Vorurteile gegenüber Frauen abgebaut werden.
„Die Ergebnisse unserer Umfrage sind ein Alarmsignal für den Rechtsbereich: Wir sind noch lange nicht da, wo wir im Hinblick auf die Gleichberechtigung sein sollten. Dass sich etwas ändern muss, zeigt insbesondere der große Anteil weiblicher Studierenden, der sich im Studium bereits Sexismus stellen musste. Demgegenüber gibt es viele Männer, die sich der fehlenden Gleichberechtigung noch gar nicht bewusst sind oder die Problematik schlicht unterschätzen“, kommentiert Jurafuchs-Mitgründer Dr. Carl-Wendelin Neubert die Ergebnisse der Untersuchung. Er ergänzt:
„Es ist wichtig, dass Frauen aktiv unterstützt und klischeebehaftete, vorurteilsvolle Denkmuster konsequent abgebaut werden, um ihre Position im Rechtsbereich von Grund auf zu stärken – und das nicht erst im Berufsleben, sondern bereits im Studium. Wir bei Jurafuchs setzen deshalb unter anderem auf ‚Gender Trouble‘ in unseren Inhalten. Der Bundespräsident etwa ist weiblich, der Sekretär männlich. Damit brechen wir veraltete Rollenbilder nicht nur auf, sondern machen sie sichtbar. Das ist natürlich nur ein erster Schritt. Auf die Schärfung des Bewusstseins für die ungerechte Behandlung zwischen den Geschlechtern muss ein konsequenter Strukturwandel in der gesamten Branche folgen.”
Über die Umfrage
Bei der Umfrage wurden insgesamt 1.853 Jurastudierende über die Jurafuchs-Lernplattform im Zeitraum vom 08.12.2025 bis zum 09.01.2026 zum Status quo und Herausforderungen der geschlechtlichen Gleichberechtigung im Jurastudium sowie im Rechtsbereich befragt.