Die Zukunft der Juristischen Bildung

Wie App-Technologie, Microlearning & Gamification juristische Bildung verändern und Legal Literacy für alle ermöglichen

Eines ist klar: Die Digitalisierung wird aus dem Bereich der juristischen Bildung nicht mehr verschwinden. Offen ist nur, welchen Weg sie in deren Tiefe nimmt.

Legal Tech ist in aller Munde. Legal Education eher weniger. Dabei bietet die Digitalisierung, gepaart mit rechtsdidaktischen Innovationen, bislang ungeahnte Möglichkeiten der Vermittlung juristischen Wissens. Dies ist keinesfalls nur relevant für Jurastudenten und Referendare, Anwaltskanzleien und Justizbehörden. Vielmehr wird auf diese Weise eine dringend nötige gesamtgesellschaftliche rechtliche Grundbildung (legal literacy) möglich.

„Ein gewisses juristisches Grundverständnis der Sachverhalte, die das Leben des Einzelnen in der Gesellschaft prägen, sollte jeder entwickeln.“

Dr. Neubert / Leupold-Wendling, LL.M. (Cambridge), Die Digitalisierung der juristischen Bildung, Recht Innovativ (https://rechtinnovativ.online) 3/2019, 136. 

Juristische Bildung ist schwer zugänglich

Die Hürden für die Kenntnis und Wahrnehmung eigener Rechte sind hoch. Formal betrachtet kann sich jeder in Deutschland die Hilfe holen, die er benötigt. Es gibt Möglichkeiten der Prozesskostenhilfe, Mieterschutzbünde, Beratungsstellen und natürlich Rechtsanwälte. Jeder Mensch kann sich in den öffentlichen Sitzungen der Gerichte ein Bild von Gerichtsverfahren machen und in eine Bibliothek gehen, um sich z.B. mit Palandt und Medicus das Bürgerliche Recht beizubringen.

“Nur klappt dies in der Regel nicht. In der Realität sind die Zugangsschwellen erheblich, das Risiko eines Rechtsstreits für viele zu hoch und allgemein zugängliche Informationen wie in Internet-Foren zu unpräzise, zu langatmig oder zu wenig vertrauenswürdig.”

Wer braucht überhaupt juristische Bildung?

Das betrifft verschiedene gesellschaftliche Gruppen: junge Menschen, die zum ersten Mal die Bühne der Gesellschaft und des Rechtssystems betreten, sollten ein Verständnis für das Wesen und die Ordnungsaufgabe des Rechts und den Rechtsstaat als Wertesystem entwickeln. Es betrifft zudem Rechte im Alltag, etwa von Verbrauchern, Mietern, Arbeitnehmern und Zugezogenen. Und es betrifft Berufstätige, die Rechtskenntnisse benötigen, um Ihre Aufgaben rechtskonform auszuüben, z.B. Polizisten, Lehrer, Gesundheits- und Pflegepersonal, Sozialarbeiter und die Justiz.

Deutschland hat Nachholbedarf

Das Deutsche Institut für Menschenrechte kritisiert Deutschland beim UN Menschenrechtsrat in Genf:

“Eine systematische Aus-, Fort- und Weiterbildung von relevanten Berufsgruppen (insbesondere Justiz, Polizei, Gesundheits-/Pflegepersonal sowie andere soziale Berufe) zu den international verbürgten Menschenrechten, wie von UN-Menschenrechtsgremien empfohlen, erfolgt [in Deutschland] bislang nicht.”

Juristische Grundbildung kann schwere Menschenrechtsverletzungen verhindern

Die Witwe aus Uganda, die aus ihrem Land vertrieben wird, weil sie ihre Rechtspositionen nicht kennt, verliert die Lebensgrundlage für sich und ihre Kinder. Der Schuldknecht in Indien, der das strafbare Schuldengeschäft des Inhabers des Holzbetriebs, (der Kaffeeplantage, des Steinbruchs, der Textilfabrik usw.) in der er arbeitet, für rechtmäßig hält, bleibt den Rest seines Lebens in Schuldknechtschaft. Ein wesentlicher Teil des Problems ist in diesen Fällen die mangelnde juristische Grundbildung.

“As a foundational matter, members of the general public must be educated on the fact that Ugandan law does in fact govern succession or inheritance-related matters, and that in instances where traditional norms conflict with custom, the formal law supersedes or overrides the traditions. Without this basic foundation, widows cannot possibly seek the law’s protection, perpetrators can act with real or willful ignorance, and community members have no frame of reference from which to influence behaviors.” International Justice Mission

Fremdsprachenunterricht via App als Vorbild?

Duolingo ist eine Sprachlern-Software für Smartphones. Der Gründer Luis von Ahn hat sie mit dem Ziel erstellt, Sprach-Bildung allen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Duolingo verzeichnet rund sieben Jahre nach der Gründung über 300 Millionen Nutzer weltweit. Babbel – ein Startup aus Berlin – ist das deutsche Pendant dazu. Babbel bietet mit über 450 Mitarbeitern in Berlin und New York die meistverkauften Sprachlern-Apps der Welt.

Digitalisierung allein ist keine neue Methode. Sie eröffnet aber mit ihren neuen technischen Möglichkeiten Raum für Innovationen in der Didaktik. Der Erfolg der Sprachlern-Apps Babbel und Duolingo  beruht zu einem großen Teil auf didaktischen Innovationen, vor allem: Microlearning und Gamification.

Microlearning

Microlearning ist eine Methode, die nicht formales Lernen – sozusagen zwischendurch, im Alltag – ermöglicht. Microlearning bedeutet Lernen in kleinen Schritten und kurzen Einheiten. Es beinhaltet zudem häufig eine schnelle Rückkopplung, d.h. die Kontrolle des Lernerfolgs geschieht sofort. Es lässt sich zudem kombinieren mit einer Didaktik, die den Lernenden aktiviert und dazu anhält, selbst Entscheidungen zu treffen sowie diese einzugeben, im Unterschied zum reinen Konsum von Inhalten. Die Methode nutzt die Leistungsfähigkeit des Gehirns, sich viele komplexe Inhalte durch kleine und immer wiederkehrende Lerneinheiten anzueignen.

Die App Jurafuchs wendet eine Didaktik an, die diese Aspekte zusammenführt: Dort werden juristische Lerninhalte in die kleinsten denkbaren Teilchen zerlegt und ausschließlich in Fällen, das heißt konkreten Lebenssachverhalten, deren juristische Bewertung erforderlich ist, vermittelt. Die Nutzer setzen sich damit nicht abstrakt auseinander, sondern sind gehalten, das Gelernte sofort anzuwenden, indem sie in kleinen Aufgaben Sachverhalte aktiv rechtlich bewerten müssen und eigene Entscheidungen treffen.

Gamification

Wenn das Lernen juristischer Inhalte sich ein wenig so anfühlen würde wie ein Videospiel, dann würde es eine viel größere Breitenwirkung entfalten. Gamification bedeutet, aus Video-Spielen bekannte Elemente auf andere Bereiche zu übertragen, wie etwa auf Bildungs-Software. Das Ziel ist: Freude und Spielspaß bei den Nutzern entstehen zu lassen, so dass sie motiviert bleiben, auch über längere Zeiträume hinweg. Spiel-Elemente, die den Lernprozess positiv beeinflussen können, sind zum Beispiel: Fortschritts-Mechaniken (Punktesysteme, Badges, Leaderboards etc.), Narrative und Charaktere, Spieler-Kontrolle, sfortiges Feedback und soziale Kontakte.

Rechtsvisualisierung

Ein weiterer wichtiger Motivationsfaktor sind Bilder und Visualisierungen als Ergänzung zu und Verstärkung der Lernerfahrung. In der juristischen Didaktik spielen sie faktisch bislang keine Rolle. In der Jura-Lernapp Jurafuchs gehören Visualisierungen zum Kernbestand des Lernangebots: Jeder Fall ist mit einer Illustration versehen, die den Sachverhalt verdeutlicht, den Zugang zum Rechtsproblem vereinfacht und den Lernspaß steigert. Teilweise dienen die Illustrationen dazu, abstrakte juristische Konzepte zu versinnbildlichen (z.B. Willenserklärungen oder Abstraktionsprinzip):

In anderen Fällen ermöglichen Illustrationen ein schnelleres Verständnis des Sachverhalts. Wo das Landgericht Frankfurt am Main mehrere Seiten benötigt, um den genauen Fortschritt eines Diebstahlsversuchs zu beschreiben, bevor der Eigentümer ihn unterbricht, vermittelt ein Bild die Szene im Bruchteil einer Sekunde:

Christian Leupold-Wendling, LL.M. (Cambridge)

Christian Leupold-Wendling, LL.M. (Cambridge)

Christian Leupold-Wendling, LL.M. (Cambridge) ist ehemaliger Rechtsanwalt (Hengeler Mueller) sowie Mit-Gründer und Geschäftsführer von Jurafuchs.
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