Eine Fall-Studie zur agilen Lern-App-Entwicklung

Wir lieben alle Versionen von Jurafuchs, aber die letzte am meisten ❤️

Am Anfang steht das MVP – das Minimum Viable Product. Jedes junge Startup muss sich anfangs die Frage stellen: Was ist die Kernfunktion, die unser Produkt erfüllen soll, die gleichzeitig bereits einen eigenständigen Mehrwert bietet? Hierzu kann man zahlreiche Illustrationen im Netz finden. Eine typische Darstellung sieht so aus: Anstatt die Einzelteile eines Autos nacheinander zu entwickeln, die jeweils für sich keinerlei Nutzen haben (und kein Nutzer*innenfeedback generieren) kann man das End-Produkt als eine von vielen Mobilitätslösungen begreifen und zur Fortbewegung selbständig verwendbare Einzelprodukte (Skateboard, Roller, Fahrrad, Motorrad, Cabriolet) entwickeln. Heraus kommt dann aller Wahrscheinlichkeit nach am Ende ein anderes Produkt als man es ursprünglich gedacht hätte.

Die heute verbreitetste Methode der Softwareentwicklung: Agile

Die Kern-Funktion zu benennen ist relativ einfach. Bei uns: Jura lernen. Was nicht ganz so einfach ist: alle Funktionen, die nicht essentiell sind, für ein paar Monate zur Seite zu schieben. Für uns war klar: Wir beginnen damit, examensrelevante aktuelle Gerichtsentscheidungen abzufragen, und zwar in einem geschlossenen Frageformat (Multiple Choice). Das Menü hatte drei Einträge: ZivilrechtStrafrechtÖffentliches Recht. Das Herzstück der App war das Quiz: Sachverhalt, Illustration, Antworten. Die Frage, ob die Illustrationen zum MVP gehören, haben wir 2018 leidenschaftlich diskutiert. Wir haben uns dafür entschieden, weil wir glaubten, dass die Illustrationen die Lernerfahrung entscheidend prägen würden. Wir haben viel Kritik dafür bekommen – von Nutzer*innenn und Investoren. Im Rückblick sind wir froh, dass wir so entschieden haben. Die professionellen Illustrationen haben sich zu einem Markenzeichen von Jurafuchs entwickelt. Und wir sind davon überzeugt, dass sie einen neuen Standard für die juristische Bildung setzen.

Jurafuchs 1.0: Rechtsprechung als Multiple Choice (unser „Skateboard“)
Jurafuchs 1.0: Rechtsprechung als Multiple Choice (unser „Skateboard“)

Alle anderen Ideen, die wir auch Anfang 2018 schon hatten, mussten wir zunächst ausblenden. Reid Hoffmann (der Grüder von Linkedin) hat diesen (oft missverstandenen) Satz geprägt: „If you’re not embarrassed by the first version of your product, you’ve launched too late.“ Was in unserer ersten App-Version bereits angelegt war: Unsere (adaptierte) Form der Multiple Choice-Aufgaben. Normalerweise werden alle Antworten zu einer Multiple Choice Frage, d.h. die richtigen Antworten und die Distraktoren), auf einmal angezeigt:

Wir haben uns dafür entschieden, die einzelnen Antworten nacheinander einzublenden, und dann jeweils zu fragen: Stimmt die Antwort 1 oder stimmt sie nicht? Stimmt die Antwort 2 oder stimmt sie nicht? … usw. Auf diese Weise können wir den Fokus der Nutzer*innen*innenNutzer*innen besser lenken, den kleinen Smartphone-Bildschirm adäquat nutzen und zugleich der Komplexität juristischer Fragen gerecht zu werden, die sich zumeist nicht mit zwei drei Worten zusammenfassen lassen und höchste Präzision verlangen.

Unsere zweite und dritte große App-Version waren bereits sehr viel verspielter und persönlicher. Wir haben nach und nach den Jurafuchs als Maskottchen und Coach eingesetzt sowie Leaderboards und andere Gamification-Elemente (z.B. social learning mit Gruppen) hinzugefügt. Auf der Content-Seite haben wir Rechtsprechung ergänzt um die ersten systematischen Kurse (Strafrecht Allgemeiner Teil und BGB Allgemeiner Teil), die als digitale Lehrbücher konzipiert sind.

Jurafuchs 2.0 und Jurafuchs 3.0: Rechtsprechung und gesamte Rechtsgebiete als Multiple Choice, mit Gamification (unser „Roller“)

In der Produkt-Entwicklung stellt man sich immer die Frage: Was ist das nächste große Ding? Was ist das entscheidende neue Feature, das der Lern-Erfahrung der Nutzer*innen einen Quantensprung versetzt? Die beste Strategie ist es, die Nutzer*innen zu fragen. Unsere Nutzer*innen haben uns tausende von Nachrichten geschickt mit Feature-Vorschlägen. Wir haben alle (wirklich: alle) gelesen. Und wir haben nach und nach die Features entwickelt, die die meisten Nutzer*innen sich gewünscht haben: Gesetzestexte in der App anzeigen, Offline lernen, eigene Favoriten anlegen usw. 

Die dritte große App-Version brachte neben zahlreichen neuen Features ein komplett neues Design. Design wird nicht selten unterschätzt. Aber vom Design schließen die Nutzer*innen auf die Qualität der Inhalte. Und Design hat auch erhebliche Auswirkungen darauf, ob man ein Produkt gern nutzt (in unserem Fall heißt das: viel damit lernt) oder es Überwindung kostet, das Produkt zu nutzen (d.h. wenig damit lernt). Ein sehr gutes Beispiel dafür, was Design ausmachen kann, ist Slack.   

Jurafuchs 4.0, 5.0 und 6.0: Features, die unsere Nutzer*innen gewünscht haben, und eine klare Design-Sprache, super einfache Navigation und Farben wie ein Sonnenuntergang (unser „Fahrrad“)

Das Design-Update betraf auch unseren namensgebenden Jura-Fuchs. Der Fuchs ist Projektionsfläche für Sympathie und Emotionen und hilft, Zugangshemmnisse zum Lernmedium abzubauen. Eines unserer ganz großen Vorbilder ist Duolingo. Hier haben wir einmal die Evolutionen von Duo und Jurafuchs nebeneinander gestellt 🙂

In der vierten großen Versions-Linie (ab 7.0) haben wir uns etwas getraut, was für uns ein wenig scary war: Ein Forum in der App, in dem alle Nutzer*innen jede Aufgabe kommentieren und allgemeine Threads zu jedem Thema anlegen können. Wir sind nach wie vor ein junges Startup mit einem sehr kleinen Team. Und unsere Kapazitäten, ein Forum zu moderieren, sind sehr begrenzt. Zahlreiche Websites haben ihre Foren-Sektionen geschlossen, wie z.B. die LTO: „… uns reicht’s“: „Leider sahen wir uns gezwungen, die Kommentarspalte dauerhaft zu schließen. Dieses Forum, das ursprünglich dem offenen fachlichen und gesellschaftlichen Diskurs diente, wurde unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zunehmend missbraucht, um Hass zu verbreiten. Die Sprache verrohte. Mit einem echten Diskurs hatte das oft nichts mehr zu tun, Meinungsvielfalt fand sich nicht mehr wieder.“

Wir haben uns für den entgegengesetzten Weg entschieden und die App geöffnet. Denn echtes Lernen setzt Diskurs voraus. Und viele Verständnis- und Vertiefungsfragen, die bei den Lernenden entstehen, können wir nicht antizipieren. Unsere bisherigen Erfahrungen mit dem Forum sind überragend positiv. Alle Beiträge sind sachlich, konstruktiv und häufig sehr, sehr reflektiert und klug. Wir mussten bislang nur einen Kommentar löschen. Und die Anzahl der Beiträge steigt enorm schnell.

Anzahl der der Foren-Beiträge über Zeit

Begleitend zum neuen Forum-Feature (mit zahlreichen Iterationen am Forum selbst) haben wir einen Weg gefunden, mit Spitzen-Juristen*innen ein explosives Content-Wachstum zu erzielen. Wir haben noch nie so viele Aufgaben veröffentlicht wie seit Januar 2020 jeden Monat. Mittlerweile stehen unseren Nutzer*innen knapp 10.000 Fragen in der App zur Verfügung.

Jurafuchs 7.0, 8.0: Forum und Content-Explosion (unser „Motorrad“)

Und schließlich: In der fünften (und bislang letzten) großen App-Version haben wir das Jurafuchs-spezifische (reduzierte) Multiple-Choice-Format um weitere Lern-Formate ergänzt: Paare (Gruppieren), ReihenfolgenPrüfungsschemata. Wir verfügen damit über eine deutlich breitere Palette an didaktischen Tools und können die bisherigen Multiple-Choice-Fragen nun mit den neuen Frage-Formaten bunt mixen. Das führt einerseits zu mehr Abwechslung beim Lernen. Andererseits (noch wichtiger) ermöglicht es uns, juristische Zusammenhänge abzufragen, die vielleicht im Multiple-Choice-Format so flexibel nicht möglich waren. Auf der Content-Seite haben wir die neuen technischen und didaktischen Möglichkeiten auch gleich begonnen auszureizen, indem wir nunmehr auch Grundlagenfächer wie Rechtsgeschichte, Rechtstheorie & Methodenlehre, Fragen zur mündlichen Prüfung genauso wie Mathematik & Statistik für Juristen abdecken.

Jurafuchs 9.0: neue Frage-Module und Grundlagenfächer (unser „Cabriolet“)

Seit dem ersten Launch der Jurafuchs App Ende 2017 haben wir knapp 150 App Updates entwickelt und veröffentlicht. Viele Änderungen sind kleine, iterative Verbesserungen gewesen. Die großen Linien, oben dargestellt als die fünf wesentlichen Entwicklungslinien, sind einer eigenen, agilen Logik gefolgt, auf der Basis des Lernverhaltens und des Feedbacks unserer Nutzer*innen. Und natürlich wissen wir auch mittlerweile, was die sechste und siebte große Entwicklungsstufe sein wird. 🙂

Christian Leupold-Wendling, LL.M. (Cambridge)

Christian Leupold-Wendling, LL.M. (Cambridge)

Christian Leupold-Wendling, LL.M. (Cambridge) ist ehemaliger Rechtsanwalt (Hengeler Mueller) sowie Mit-Gründer und Geschäftsführer von Jurafuchs.
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